Eine Frau mit Strahlkraft

Sie ist erst 27 Jahre alt. Dass sie ein Motor für eine ganze Region sein soll, streitet sie ab. Doch zumindest ist sie so etwas wie eine Zündkerze – aus Überzeugung. Die Women-Preisträgerin Franziska Hillmer ist in ihren Heimatort Hettstedt zurückgekehrt, um etwas zu bewirken. Mit ihrer Agentur „einfallZreich" hilft sie Unternehmensgründern auf die Beine, berät zu Entwicklungsperspektiven und Fördermöglichkeiten. Ihr Name findet sich im Organisationsteam für verschiedenste Veranstaltungen und Initiativen in der Region. Und sie sitzt im Stadtrat. Ein Gespräch mit einer außergewöhnlichen jungen Frau, die vor allen Dingen mit einer Sache inspiriert: mit ihrer Strahlkraft, also ihrer positiven Ausstrahlung.

Warum bist du nach deinem Studium nach Hause nach Hettstedt zurückgekehrt?
Der Weg zurück nach Hettstedt war nicht selbstverständlich. Es ist das Ergebnis eines zunehmenden Erkenntnisgewinns. Wie kann unsere Gesellschaft zukunftsfähig werden? Entscheidend ist, dass in der Wirtschaft weniger Technik und Kapital eingesetzt werden. Das funktioniert am besten über regionale Wirtschaftskreisläufe, denn sie sind unter anderem weniger transportintensiv als überregionale und globale Wertschöpfungsketten. Verschiedene Ansätze demonstrieren bereits eindrucksvoll, wie in den Regionen ressourcenschonend und klimafreundlich gewirtschaftet und dabei die Daseinsvorsorge, regionale Wertschöpfung und das Miteinander gestärkt werden können. Dabei denke ich zum Beispiel an die sogenannte Community Supported Agrikultur (CSA), also Solidarische Landwirtschaft, oder an ganzheitliche Transition-Town-Initiativen.
Gerade in den strukturschwachen ländlichen Gebieten Sachsen-Anhalts ist die Herausforderung besonders groß. Diese zu bewältigen, daran möchte ich mitwirken –und das natürlich bevorzugt in meiner Heimatregion.

Das sind noble Ambitionen. Aber würde es dir persönlich woanders nicht besser gehen?
Ich habe hier ein gutes Netzwerk, meine Familie, gute Freunde. Und ich habe einen historisch äußerst interessanten Heimatort, gelegen im Südharz, sodass ich mich woanders kaum wohler fühlen könnte.

Du hast in Eberswalde und in Oldenburg studiert. Was verbirgt sich dahinter?
In Eberswalde, an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, habe ich Unternehmensmanagement mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship studiert. Da konnte ich die Grundlagen für meine heutige Existenzgründungsberatung legen. Im Anschluss habe ich den volkswirtschaftlichen Masterstudiengang „Sustainability, Economics and Management" an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg absolviert. Hierbei waren Nachhaltigkeit, zukunftsfähige Wirtschaftsmodelle und Regionalentwicklung Schwerpunktthemen.

Was ist das Wichtigste, das du im Studium gelernt und dann mit nach Hause gebracht hast?
Ohne den Schwerpunkt Entrepreneurship wäre ich sicherlich nie auf die Idee gekommen, mich in dem Bereich selbstständig zu machen. Generell hat es mich in dem Wunsch bestärkt, selbstständig zu arbeiten. Am Masterstudium war neben der Wissensvermittlung besonders wertvoll, dass man mit Menschen zusammentraf, die sich für das Thema nachhaltige Entwicklung interessieren. Viele meiner ehemaligen Kommilitonen und Professoren inspirieren und bestärken mich nach wie vor.

Du betreust viele junge Unternehmen und Initiativen und hältst damit deine Hand an den Puls der regionalen Wirtschaft. Was geht so vor sich in Hettstedt, welche Erfolgsgeschichten kannst du erzählen?
Das ist natürlich ein sehr subjektiver Eindruck, aber ich erlebe, dass neben mir einige junge Menschen zurückkehren, die den Kontakt zu ihrer Heimat nie abgebrochen haben und nun wieder neuen Schwung hinein bringen. Es gibt zahlreiche wirtschaftliche Akteure unterschiedlicher Generationen, die sich für die Regionalentwicklung einsetzen. Exemplarisch kann das Projekt Spurwechsel genannt werden; ein Berufsaktionstag, der am 11. April 2015 zum 3. Mal in Hettstedt stattfinden wird. Im vergangenen Dezember hat zudem der Innenbereich der „kleinen Welt" geöffnet, ein für Hettstedt und die Region wirklich einmaliges, modernes Veranstaltungszentrum, welches durch musikalische und kreative Angebote alle Generationen begeistert.

Du engagierst dich auch politisch. Warum hast du dich für den Stadtrat wählen lassen?
Wenn ich sicher gehen möchte, dass Themen, die mir wichtig sind, auf der politischen Agenda stehen, muss ich selbst aktiv werden. Also habe ich mich aufstellen lassen und wurde erfreulicherweise auch gewählt.

Hast du das Gefühl, dass du im Stadtrat etwas bewirken kannst? Was genau?
Ja, es ist möglich zur Entscheidungsfindung beizutragen. Sei es beispielsweise in den Diskussionen zu Beschlussvorlagen oder durch das Einbringen von Themen in den Fraktionssitzungen oder Ausschüssen. Bei Abstimmungen im Stadtrat hat jeder eine Stimme, wodurch man ganz konkret Einfluss nehmen kann. Daneben lerne ich politische Prozesse besser kennen und verstehen.

Wie sieht deine Vision vom zukünftigen Hettstedt aus?
Ich wünsche mir eine aktive Bürgerschaft, die Mut hat, Ideen auszuprobieren, und die verlässlich füreinander einsteht. Das fängt bei dem Konsum regionaler Produkte an und hört bei nachbarschaftlicher Hilfe auf. Der Hettstedter ist vielleicht skeptisch, aber in der Regel sehr hilfsbereit und liebenswert. Ich denke, wir haben hier ein großes Potential und können durch Kooperation verschiedener gesellschaftlicher Akteure langfristig unsere Lebensqualität erhalten beziehungsweise auch verbessern.

Hast du das Gefühl, dass du bereits etwas bewirkt hast?
Wenn nicht, würde ich etwas falsch machen. Ich versuche mit meiner Arbeit dazu beizutragen, Menschen zu vernetzen, die etwas bewirken wollen, und ich habe das Glück, mittlerweile gute Partner zu haben, mit denen ich schon viele solcher Vorhaben erfolgreich umsetzen konnte. So haben wir im letzten Jahr als Verein kleine Welt e. V. mit der Aktion PflanzenTanzenFortpflanzen durch bürgerschaftliches Engagement und mit Hilfe von Sponsoren 27 Bäume in Hettstedt gepflanzt. Im letzten Jahr hat unsere Agentur einfallZreich mit unseren Netzwerkpartnern außerdem den Hettstedter Unternehmertag und das Zukunftsforum veranstaltet. Jüngst, am 18. März, haben wir den Unternehmerabend Mansfeld-Südharz organisiert.
Unsere Veranstaltungen befassen sich immer mit einem konkreten Thema. Das wird zum einen gut angenommen, zum anderen entstehen dadurch neue Ideen. Mittlerweile hat sich ein richtiger Kern an Aktiven gebildet, die gerne wieder kommen. Das gibt uns die Möglichkeit frei von bestehenden institutionellen Strukturen übergreifend an der Entwicklung unserer Region zu arbeiten.

Was sagst du jungen Mädchen, die – anders als du – ihre Heimat für immer verlassen möchten?
Ganz generell: Bitte die Verbindungen nicht kappen, neugierig und aufgeschlossen gegenüber den Möglichkeiten in der Heimat bleiben! Ich denke nicht, dass sich der Großteil nach der Schule für oder gegen seine Heimat entscheidet, sondern in erster Linie suchen junge Menschen ihren eigenen Weg. Diesen zu gehen oder ihn überhaupt erstmal zu finden, finde ich absolut richtig. Die Prioritäten verschieben sich dann wieder, wenn man eine Familie gründen möchte, die eigenen Eltern älter werden.

Trotzdem gehen viele für immer. Wo siehst du einen möglichen Ausweg aus dieser Entwicklung?
Ich finde es wichtig, sich breit zu informieren. Wir haben mittlerweile unzählige Studierende, von denen viele nicht wissen, warum sie überhaupt studieren, und gleichzeitig hat das Handwerk große Nachwuchssorgen. Sicherlich bin ich durch meine akademische Ausbildung für das Handwerk nicht die beste Botschafterin – aber ich habe diesen Weg mit dem Bewusstsein gewählt, mich mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen zu wollen und auch eine Leidenschaft fürs Schreiben zu besitzen. Deshalb sitze ich trotzdem nicht gerne lange am Schreibtisch und brauche viel Ausgleich. Hätte ich diesen Antrieb nicht, würde mich nichts im Büro halten und ich wäre Tischlerin oder im praktischen Naturschutz tätig. Man sollte also überprüfen und auch ausprobieren, womit man seine Zeit verbringen möchte. Und möglicherweise gibt es auch in unserer Heimatregion den einen oder anderen interessanten Arbeitgeber.

Welche Projekte stehen demnächst für dich an?
Am meisten treibt mich momentan die Idee um, ein OTELO - ein offenes Technologielabor im Landkreis Mansfeld-Südharz einzurichten. Das Konzept stammt aus Österreich und klingt sehr vielversprechend. Beim neulich stattfindenden Unternehmerabend waren die Teilnehmer sehr angetan von der Idee. Daneben gibt es zahlreiche gute kleine und große Ideen. Wenn es hierzu nennenswerte Neuigkeiten gibt, werde ich berichten!
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